Ein trockenes Betonbecken, eine Musikbox, ein paar Tanzbegeisterte – und plötzlich ist es Freiburgs lebendigster Ort. Der Mensabrunnen in der Rempartstraße ist seit über einem Jahrzehnt die Heimat einer der schönsten Graswurzel-Tanzbewegungen, die man sich vorstellen kann: kostenlos, selbstorganisiert, sieben Stile an sieben Abenden.
Wer schon mal in Freiburg unterwegs war und – wie das bei Tänzerinnen und Tänzern manchmal so ist – zufällig die Tanzschuhe im Rucksack hatte, der kennt dieses Gefühl: Man hört Musik, biegt um eine Ecke, und plötzlich tanzt da eine Gruppe Menschen in einem trockenen Betonbecken mitten in der Stadt. Kein Schild, kein Eingang, keine Kasse. Einfach nur Musik und Bewegung, unter einem Freiburger Abendhimmel.
Ich erinnere mich noch, wie ich das erste Mal stehenblieb – es war ein Donnerstagabend, Tango, und irgendjemand hat mich einfach gefragt ob ich mitmache. Zehn Minuten später stand ich im Becken. Das ist der Tanzbrunnen. So funktioniert er.
Das Schöne und das leicht Verwirrende zugleich: Es gibt keinen offiziellen Spielplan, keine Buchung, keine Garantie. Der Wochenplan ist ein gelebtes Arrangement, das sich über Jahre eingespielt hat – und das trotzdem nie ganz in Stein gemeißelt ist. Alles ohne Gewähr, alles nur bei schönem Wetter. Aktuelle Infos gibt es in der Telegram-Gruppe „Tanzen im Brunnen“.
| Tag | Uhrzeit | Stil |
|---|---|---|
| Montag | ab 19:00 |
Salsa
Lateinamerika · SaBaKi-Schwerpunkt
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| Dienstag | ab 17:30 |
Lindy Hop & Swing
USA · auch Charleston, Balboa
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| Mittwoch | ab 19:00 |
Forró
Brasilien · oft mit Einführung für Anfänger
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| Donnerstag | ab 19:30 |
Tango Argentino / Milonga
Argentinien · oft EdO-Stil
Einführung für Anfänger ca. 30 Min. vorher nicht immer
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| Freitag | ab 19:00 |
Kizomba & Bachata
Angola / Kap Verde / Dom. Rep. · SaBaKi-Mix
Manchmal nachmittags Contango ab 17:00 wechselnd
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| Samstag | ab 18:00 |
Salsa / Kizomba-Mix (SaBaKi)
Abend-Schwerpunkt je nach DJ
unregelmäßig – oft nachmittags gestartet
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| Sonntag | nachmittags |
Bachata
Dominikanische Republik · spontan, wechselnd
nicht jede Woche
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Alle Termine finden nur bei gutem Wetter statt. Aktuelle Infos: Telegram-Gruppe „Tanzen im Brunnen“.
Der Mensabrunnen wurde um 1900 errichtet, mit einem Wasserfall und einer Figurengruppe aus drei Jünglingen, die die Quellflüsse der Dreisam symbolisierten. Beim Bombenangriff auf Freiburg am 27. November 1944 wurde die Anlage weitgehend zerstört. Übrig blieb das runde Betonbecken. Jahrelang stand es einfach da, trocken und zwecklos.
Irgendwann Anfang der 2010er Jahre kamen die ersten Tänzerinnen und Tänzer auf die naheliegende Idee: Das Becken ist rund, flach, mitten in der Stadt, abends beleuchtet – perfekt. Seitdem ist keine Saison vergangen, in der es nicht getanzt hätte.
Was mich jedes Mal wieder fasziniert: Es gibt hier nichts Offizielles. Keinen Veranstalter, der haftet. Kein Programm, das man buchen könnte. Jede Tanzgruppe der Freiburger Szene hat sich selbst einen Abend genommen – die Tango-Leute den Donnerstag, die Forró-Gemeinde den Mittwoch, die Swing-Tänzer den Dienstag. Wer dran ist, bringt seine Anlage mit, stellt sie auf, legt auf, räumt am Ende wieder ab. Wer mag, wirft ein paar Euro ins Spendenkässle vor der Musikbox. Kein Getränkestand, keine Imbissbude, kein Einlasscheck. Nur Musik und Tanz.
Koordiniert wird das alles über die Telegram-Gruppe „Tanzen im Brunnen“ – rund 1.200 Mitglieder, plus knapp 800 im Chatkanal. Dort erfährt man kurzfristig, ob der Abend stattfindet, wer auflegt, oder ob es regnet und alle zuhause bleiben.
2017 hätte es fast das Ende gegeben. Die Stadt Freiburg suchte neue Fahrradabstellplätze in der Innenstadt und hatte den Mensabrunnen im Visier. Was dann passierte, war beeindruckend: Die Tanzszene mobilisierte in kürzester Zeit über 300 Menschen zu einer Tanz-Demo. 170 Tänzerinnen und Tänzer drängten sich gemeinsam ins Becken für ein Gruppenfoto. Das Garten- und Tiefbauamt ruderte zurück. Der Brunnen blieb. Ich finde, das sagt alles darüber, was dieser Ort den Menschen bedeutet.
Inzwischen haben auch andere Gruppen den Brunnen entdeckt – Urban Dance, HipHop, Zouk, Fusion, Bal Folk, West Coast Swing. Die Liste derer, die Platz wollen, ist lang. Ende 2024 gab es unschöne Situationen, wenn zwei Gruppen gleichzeitig auftauchten; eine externe Konfliktmoderation musste ran. Eine städtische Übernahme der Koordination haben die Anwesenden am runden Tisch mehrheitlich abgelehnt. Zu Recht, glaube ich: Sobald Ämter involviert sind, kommen Genehmigungen, und damit beginnt der Brunnen, sich anzufühlen wie eine Veranstaltung. Genau das ist er aber nicht.
Die Szene wird eine Lösung finden. Sie hat es bisher immer getan.
Ich habe am Tanzbrunnen Studierende getroffen, die direkt aus der Bibliothek gegenüber kamen. Rentnerinnen, die jeden Donnerstag zum Tango erscheinen. Touristen aus Japan, die plötzlich im Forró-Kreis standen, weil jemand einfach gefragt hat ob sie mitmachen wollen. Anfänger, die zuschauen – und eine Stunde später selbst tanzen, weil irgendjemand ihnen die Hand hingestreckt hat. Manche kommen jeden Abend, manche einmal im Sommer. Und nicht wenige haben hier ihre ersten Tanzschritte gemacht, bevor sie sich dann doch in eine der Freiburger Tanzschulen gewagt haben.
Wer den gesamten Freiburger Tanzkalender im Blick behalten möchte – alle Milongas, Salsa-Abende, Festivals – findet sie bei inviTanza. Der Tanzbrunnen ist das Herzstück der Szene. Aber er ist bei weitem nicht alles.